Wie Gesang unsere Herzen öffnen kann

Über Singen, Heilung und Spiritualität
Teil 1

von Wolfgang Bossinger
Musiktherapeut, Leiter der ‚Akademie für Singen und Gesundheit‘, Ulm

Gründer der ‚Singenden Krankenhäuser‘ Europa

Singen ist ein uralter Weg zu Erfahrungen von Gemeinschaft, Heilung und Spiritualität. Die starke Wirkung des Gesangs nutzten Schamanen, Heiler und alle spirituellen Traditionen schon seit den Anfängen der Menschheit. In Heilungs- und spirituellen Ritualen diente der gemeinsame Gesang dazu, das Bewusstsein zu erweitern, kollektive Zustände der Versenkung oder Ekstase herbeizuführen und eine Rückbindung an den Kosmos herzustellen. Dieser bewusstseinserweiternden Wirkung des Singens möchte ich im zweiten Teil meines Beitrages nachgehen. Zunächst werden wir die unmittelbaren heilsamen Wirkung unserer Stimme auf Körper und Seele betrachten.

Interessanterweise sind die modernen Wissenschaften allmählich in der Lage, diese von traditionellen Heilern bereits seit langem eingesetzten und genutzten Wirkungen des Gesanges und der Musik besser zu verstehen.
                 

Unser Körper – durch und durch musikalisch

Unser Körper besteht aus einem regelrechten Netzwerk fein aufeinander abgestimmter Schwingungsvorgänge, wie neuere Forschungen der Chronomedizin und Chronobiologie zeigen konnten. In uns schwingen Nervenimpulse (MilliSekunden), Atmung, Herzschlag und Blutdruck (Sekundenbereich) bis hin zu den langsameren Ultradian- und Zirkadian-Rhythmen (Stundenbereich). Körperliche und seelische Gesundheit hat viel zu tun mit dem harmonischen Zusammenspiel dieser Körper-Rhythmen. Unser Körper schwingt „musikalisch“, wie ein gut aufeinander abgestimmtes Orchester, wenn wir gesund sind. Krankheit zeigt sich in einer Desorganisation dieser Schwingungsvorgänge – anstelle von Harmonie tritt Dissonanz und Arrhythmie. Tatsächlich ist es möglich, mit musikalischen Mitteln von außen auf diese Körper-Rhythmen einzuwirken und deren Gleichgewicht anzuregen. Ebenfalls passen sich einige unserer Körperschwingungen sogar wechselseitig aneinander an, wenn Menschen zusammen Musik machen.

Beim intensiven gemeinsamen Singen kommt es unter den beteiligten Sängern zu einer Synchronisierung solcher physiologischer Schwingungsmuster, sowohl innerhalb des eigenen Körpers, wie auch untereinander. Wir atmen gemeinsam, unsere Herzen schlagen im Gleichtakt und sogar die neuronale Netzwerke in unseren Gehirnen beginnen synchron zusammenzuschwingen.

 


Heilsame Wirkungen von Gesang

Eine Schlüsselrolle beim heilsamen Singen kommt der Atmung zu. Durch das Singen vertiefen und verlangsamen wir unsere Atmung. Wir nehmen hierdurch mehr Sauerstoff bis in jede Körperzelle hinein auf. Die in westlichen Kulturen weit verbreitete, oft stressbedingte flache Atmung weicht dabei einer natürlichen Vollatmung. Dabei wird das Zwerchfell sehr aktiv und kann eine durchblutungsfördernde Massagewirkung auf die Bauchorgane und das Herz ausüben. Wie meine eigenen aktuellen Forschungen zeigen, können besondere meditative Formen des Singens das Atemmuster so modulieren, dass es zu günstigen Auswirkungen auf das vegetative Nervensystem kommt. Dabei wird der Parasympathikus, der für Entspannung sorgt aktiviert und das Herz-Kreislauf-System wechselt in einen Erholungzustand.

Meditative Formen des Singens (z.B. Mantra-Singen) unterbrechen außerdem bereits nach kurzer Zeit den ´Strom unserer Alltagsgedanken´. Die Gehirnwellen schalten auf den langsameren Alpha-Rhythmus um und Seele und Körper beginnen mit einer Entspannungs –Reaktion (relaxation response).

Ekstatische Formen des Singens hingegen (z.B. Gospel, afrikanische, indianische Chants), überfluten unser Gehirn regelrecht mit Glückshormonen (Endorphine) und stärken messbar unser Immunsystem. Es kommt zu einer vermehrten Produktion von Immunglobulin A. Dieser Antikörper bekämpft wirksam Krankheitserreger und Allergene bereits beim Eindringen in den Körper und macht sie unschädlich.

Bemerkenswerterweise wird unser Immunsystem umso mehr gestärkt, je größer unsere innere Beteiligung (Freude, Hingabe) beim Singen ist. In der Reaktion des Immunsystems zeigt sich also unmittelbar der gesundheitsfördernde Einfluss „ekstatischen Singens“.


Auch Singen unter der Dusche wirkt

Gesangsformen wie Mantrasingen, Gospel, etc. sind jedoch nicht unbedingt notwendig, um duch Singen zu profitieren. Bereits das Trällern unter der Dusche oder eine dahingesummte Melodie im Auto zeigen schon harmonisierende Wirkungen auf Körper und Seele. Der Musikpsychologe Dr. Karl Adamek konnte in umfangreichen Forschungen belegen, dass Menschen die viel und regelmäßig singen durchschnittlich gesünder sind als Nichtsinger. Er fand heraus, dass Singen helfen kann, Emotionen besser zu regulieren und nachhaltig die Stimmung zu verbessern – Singen ist ein „Anti-Depressivum ohne Nebenwirkungen“ .


Gesangliche Selbsthilfe im „Chor der Heimatlosen“

Besonders beeindruckende Wirkungen regelmäßigen Singens fand die kanadische Gesangsforscherin Betty Bailey bei Wohnsitzlosen. Sie interviewte Mitglieder eines Chores Wohnsitzloser über ihre Erfahrungen mit ihrem 1996 in Montreal in Eigenintitative gegründeten „Chor der Heimatlosen“ (homeless choir). Dabei handelte es sich um Menschen, die auf der Straße lebten, alkohol- oder drogenabhängig waren, eine Vielzahl psychischer Störungen aufwiesen und soziale Außenseiter waren. Die Ergebnisse von Baileys Studie waren überwältigend. Nahezu alle wohnsitzlosen Chorsänger berichteten von dramatischen positiven Auswirkungen des Chorsingens auf ihr Leben. Sie nahmen weniger Suchtmittel, gingen stabilere soziale Beziehungen ein, entwickelten mehr Selbstbewusstsein und waren weniger depressiv. In der Zusammenfassung von Bailey waren die Ergebnisse vergleichbar mit einer erfolgreichen Psychotherapie.

 
Jeder kann singen

Singen ist ein nachhaltiger „Gesundheitserreger“, der uns helfen kann unser seelisches und körperliches Gleichgewicht zu festigen und in Krisenzeiten wieder in unsere Mitte zurückzufinden. Notwendig ist hierbei allerdings, den Mut zu fassen, vorhandene Hemmungen und Blockaden zu überwinden. Leider machen viele Menschen in westlichen Kulturen bereits als Kinder negative Erfahrungen beim Singen. Dies reicht von deplazierten Kommentaren bis zum traumatischen „Vorsingen“ in der Schule. Im Folgenden will ich daher einige Anregungen und Tipps geben, wie ein Zugang zur eigenen Stimme wiedergefunden werden kann:


Tipps zu gesundheitsfördernden Singen

Es gibt beim Singen keine Fehler, sondern nur Variationen - Erlauben Sie sich aus vollem Herzen zu singen und bewerten Sie sich nicht kritisch, sondern genießen Sie Ihren stimmlichen Selbstausdruck

Singen ist immer ein Geschenk - Betrachten Sie ihren Gesang als Geschenk für sich selbst und für andere Menschen Sollten jemand das nicht zu schätzen wissen, lassen Sie sich nicht entmutigen – es gibt schon zu viel verschlossene Menschen auf der Welt

Singen oder summen Sie - unter der Dusche, im Auto oder beim Spazierengehen Ihre Lieblingsmelodien mit Hingabe und Freude, wie dies Kinder tun

Suchen Sie sich Singgruppen - die nicht leistungsorientiert sind (Mantra-Singen, Chanting-Gruppen, Gesangsvereine, Chöre, in denen der Spass im Mittelpunkt steht

Nehmen Sie Gesangsunterricht - bei einem Lehrer, der Ihnen hilft, Ihre eigene Stimme zu entfalten und nicht wie jemand anderes zu singen (ansonsten wechseln Sie schnell den Lehrer!)

Improvisieren Sie spielerisch - mit Ihrer Stimme und erfinden Sie eigene Melodien

Besuchen Sie Singworkshops - in denen es um heilsame Formen des Singens geht